Nächtliche Fahrt
Schreiten die Wolken, jagen die Kiefern dahin,
stürzt mir das Jahr, daß ich näher den Toten bin.
Will ich zu dir, weiß, du bleibst immer mir nicht,
wollt’ ich, mein Herz faßte in Stein dein Gesicht,
hielt’ deine Hand, hielt’ deine Augen so warm,
wie jetzt der Mond nimmt diesen Wald in den Arm.
Fliehender Wald, zittern die Wurzeln im Grund.
Kann nichts mehr sehn, fließt es mir salzig zum Mund.
Klage der raubenden Zeit! Raubt mir ja beinah’ den Sinn,
weil ich, vergehend an ihr, tief im Lebendigen bin.
Lied
Träume, deine Augen und du
haben mich müde gemacht.
Schloß ich die Lider fest zu,
weinte doch lange die Nacht.
Weint mich in Schlaf wie ein Kind,
träumte vom Paradies.
Als mich der Schlummer verstieß,
schlug der Morgen mich blind.
Sanfte Augen und Blumen und Sterne
hat Gott aus Güte gemacht.
Und wen er lieb hat, dem schickt er gerne
Tränen und Träume zur Nacht.
Liebesklage
Ach Gott, daß du kein Bäumchen bist
und wächst nicht dort im Wald !
Ich wollte immer zu dir gehn,
in deinem blinden Schatten stehn
und deine grünen Blätter sehn,
bis daß ich worden alt !
Ach Gott, daß du kein Wasser bist
und fließt nicht vor der Stadt !
In deine Fluten wollt ich nicht,
ich tränke nur so kühl und dicht
gespiegelt deiner Augen Licht,
das mich geblendet hat.
Ach Gott, daß du kein Sternlein bist
am Himmel, hold und hart !
Ich blickte jede Nacht so weit
hinauf zu deiner Lieblichkeit
und trüge nie mehr bittres Leid
um deine Gegenwart!
Fragment
Kinder, die sich Kränze winden,
wissen mehr vom bunten Leben,
wissen mehr vom bunten Leben
als die armen Ewig-blinden,
die Gedankenketten schmieden.
Wenn zwei Menschen sich geschieden,
die sich einmal jäh entzündet,
eng wie Nacht und Traum verbündet waren,
ahnen sie den Frieden,
der aus abgebrochnen Blüten
leise duftet —
Elemente
Der Wind weht durch die Gassen
und treibt dich wie ein Blatt.
Sein Blick kann dich nicht fassen,
nicht treffen und verlassen,
weil er kein Auge hat.
Das Licht aus allen Türen
spült über dein Gesicht..
Eswird dich nicht berühren,
nicht halten und nicht führen,
denn Hände hat es nicht.
Die Flut in allen Flüssen
und Schnee und Eis im Grund,
sie werden dich nicht missen,
sie können dich nicht küssen,
sie haben keinen Mund.
Der Wind weht durch die Gassen.
O, wäre ich der Wind!
Nicht fähig, dich zu fassen,
nicht fähig, dich zu lassen,
und blind und blind und blind!
Die Dämmerung
Es hat den Tag gegeben,
der konnte nicht mehr sein.
Er warf sein ganzes Leben
und Farben, Duft und Beben
in schwere Nacht hinein.
Er sah sein Herz ertrinken,
von dunklem Blick versehrt,
und sah ein Lächeln blinken
und sah ein Lächeln winken
und hat sich nicht gewehrt.
Da ward es um ihn stille.
Die Dämmerung wuchs auf
wie eine weiche Hülle,
—
noch zirpte eine Grille -,
da gab der Tag sich auf.
Die Nacht hielt ihn umschlungen.
Er konnte sie nicht sehn.
Sein Leben war verklungen,
noch ehe er’s gesungen .
Er mußte untergehn.
Ausblick
Wie sind die Augen aufgetan :
die Wälder leuchten grün ins Blau,
und Hügel recken sich hinan,
und Sonne färbt die goldne Au
von schwerem Roggen, Blütenschnee
und zarter Zweige ernstem Matt,
daran sich auch nicht eines regt,
kein einz’ges Blatt.
Du Herz, das mir so ferne schlägt
und nah doch ist wie diese Hand
(da ist kein Blatt, das sich bewegt,
kein Hauch zum weißen Birkenband,)
Gott schenke dir den gleichen Tag,
der gleichen Farben Flut und Duft,
damit in deines Herzens Schlag
die Ferne uns zusammenruft!
Begegnung
In jener Stille, unbewehrt,
gewappnet nur mit eignem Schmerz,
fiel es hinaus aus seinen Grenzen
zur Grenze hin, wo alles gärt
in Licht. Es stieg zum Sternenbogen,
es klomm vorüber Stern bei Stern,
einEngel fragt: suchst du den Herrn?
Verneinend ist es fortgezogen,
gewappnet nur mit eignem Schmerz,
in jener Stille- Menschenherz .
Ich suche einen, sprach es leise.
Mir schwindelt nicht auf meiner Bahn .
Ich überwinde alle Kreise
und geh nicht mehr, woher ich kam.
Ich falle in die Städte nieder,
ich halte an vor keinem Haus .
Es breitet ewig mein Gefieder
sich in die erste Sehnsucht aus.
Ich suche, den ich nicht will finden,
sein Lächeln und den großen Blick
auf allen Höhen, in den Gründen
als mein verzaubertes Geschick.
Undwenn ich seine Nähe fühle,
dann stürz ich mich in alle Nacht,
dann fang ich mich in einer Mühle,
bis sich die Spur unkenntlich macht.
Ich selbst verwirre mir die Fäden
und reiße dann, sie zu entwirr’n,
und kenne langsam einen jeden
hinter der nachtgekühlten Stirn .
In jener Stille — unbewehrt,
der Engel hat es gleiten lassen.
Erst griff er so, als wollt er’s fassen.
Dann senkte er verzichtend blassen
Gesichtes sich, als ob er träumte,
als ob er träumte von den nassen,
verweinten Kissen in der Kammer
und sehnte sich nach Menschenjammer!
Gute Nacht
Stumme Punkte von Kinderschuhen,
kleinen, braunen mit Erdkrusten,
aufgereiht wie Soldaten, ruhen
vor der hellen Tür unsrer Kinder.
Drinnen sind nun die Füßchen bloß,
stecken unter dem weißen Tuch.
Die Augen sind noch offen und groß,
klar gewaschen und ganz vertieft
in den Tag, der vorüberging,
haften blieb an dem kleinen Schuh,
Flecken auf bunter Schürze fing
und sich jetzt leise entfernt.
Für mein schlafendes Kind
Hör es nicht im Traum, mein Kind,
wie die Nacht im Äther klingt.
Hör es nicht im Traum, mein Kind,
was dir meine Seele singt.
Ganz für dich, doch nicht zu dir
schlug die Nachtigall im Baum.
Ganz für mich und ganz zu mir
nahm ich sie in meinen Traum.
Fühlte sie wie Sterne weit
ohne Macht und ohne Schmerz
singen ihre Lebenszeit.
Viel zu weiß ist noch dein Herz,
um es so zerstrahlt zu sehen
in der Farben Zauberei,
um durch sie hindurchzugehen
und zuletzt vorbei —
Schwermut
Sie läßt mich zu den Brüdern nicht,
umklammert meine Finger,
verdunkelt mir das Herzenslicht,
beengt mich. Noch geringer
verlangt sie mich, genau so schwach
wie Trinker sondern Willen
und nährt mich aus dem Gallenbach,
zwingt mir Gespenst und Grillen
und kreisend welke Klage ein
und lügt, mir wär’ es schlimmer
als andern zugedacht, die Pein
verböge mich und immer
behielt’ ich sie. Und schließt die Wand
um mich: du bist alleine.
Sie kichert hinter ihrer Hand
verstohlen, weil ich weine.
So hat sie mich seit manchem Jahr
zu Aufenthalt und Wahn getrieben.
Wird sein auch diesmal, wie’s vordem war:
ich entkam ihr, die Menschen noch
fester zu lieben.
Volkslied
War es im Walde,
waren die Wege verschneit,
gingen die Kinder,
gingen im Walde zu weit.
Über die Heide
sangen sie, lachten sie gern,
hörten vom Berge
Stimmchen wie Silber so fern.
Schön sind die Tannen,
duftig das funkelnde Eis.
Furcht auf den Wangen
glüht wie ein Öfchen so heiß.
Daß ich dich liebe –
bin wie die Kinder im Wald.
Sie sind erfroren.
Folg ihnen bald.
Der Turmbau zu Babel
Weil sie vergaßen, wie schuldhaft und klein
ihr erdverhaftetes, hungriges Sein
und wie arm ihre Macht,
träumten sie einen gierigen Traum,
zu bauen den Turm, den ragenden Baum
bis zur Grenze von Tag und Nacht.
Und sie verhörten im Taumel so tief,
wenn eine Stimme in Schmerzen sie rief,
ein Kranker, ein weinendes Kind.
Emsig wie Bienen und kalt wie der Stein,
den sie beschlugen und fügten in Ein,
wurden sie sehend und blind.
Gott ließ sie bilden für lang, lange Zeit.
Und sie frohlockten und wähnten ihn weit,
wiesen ihm Wege, so schmal.
Höher, gewaltiger wuchs auf ihr Bau,
stolzer als Erz wurde Fühlen und Schau,
und sie vergaſßen der Zahl
leises Gesetz, dem die Erde gehört,
dem auch noch horcht, der die Schlangen beschwört
oder der Sphären Gesang.
Gott ließ sie fallen. Er stürzte im Sturm
Hochmut und Wahnsinn, den Babeler Turm,
daß er zerbarst und versank.
Und sie zu strafen mit ewigem Spruch,
schuf er der Sprachen verwirrendes Buch,
daß sie sich nicht mehr verstehn,
daß sie sich zürnen in schwärendem Haß,
und nicht erkennen in Glühen und Blaſß,
sich aneinander vergehn.
Weise sind Toren, und Macht gleicht dem Tod,
so sie nicht dient einem höchsten Gebot,
das sich nur einmal erfüllt :
Gnade verheißt, wie die Völker verstehn,
opfernde Liebe, für jeden zu sehn
in des Gekreuzigten Bild!
Sterben
An eines hab ich oft gedacht,
wenn ich in mancher langen Nacht
erwachte und den Himmel sah,
unendlich fern, unendlich nah,
wenn steil die dunkle Wand entlang
des Mondes Strahl zur Decke sprang
und in der Luft der Atem lag
vom alten Tag und neuen Tag, —
dann hab an eines ich gedacht
die ganze lange Nacht.